Aktuelle Meldung
Zum SZ Artikel vom 11. August zum Thema: Immer mehr lehnen Neumarktcenter ab
(11.08.2010)
Liebe Leser meiner Website,
mit Interesse habe ich den SZ Artikel von Heute (11. August 2010) gelesen, welcher mit
den Worten "57 Prozent der Einwohner
befürchten, dass ein Einkaufszentrum am Neumarkt den Händlern in der
Altstadt schaden würde." beginnt.
Ich muss zugeben, da hat es mich ein wenig geschüttelt und ich habe
mir überlegt, ob ich Ihnen dazu etwas schreiben sollte. Wie Sie sicher
wissen, habe ich in meinem Bachelorstudium auch Soziologie studiert
und mich dort mit Umfragen beschäftigen "dürfen".
Eine meiner Vorlesungen mit dem Titel "Methoden der
empirischen Sozialforschung" befasste sich dort im Kern mit der
Erstellung und Auswertung von Fragebögen, Telefonumfragen und dem
Verhalten der Befragten.
Ich finde es schwierig ein Urteil über die Quote der Ablehnung zu
treffen, wenn man die absoluten Zahlen der Umfrage nicht im Vergleich
reellen Zahlen sieht. Ich glaube kaum, dass es sich bei einer
Telefonumfrage, bei der der geneigte Zeitungsleser auch noch selbst
anrufen sollte, um eine Vollerhebung der Grundgesamtheit, geschweige
denn um eine Teilerhebung im wissenschaftlichen Sinne gehandelt hat
(geschweige denn um eine Umfrage selbst im wissenschaftlichen Sinne).
Im Gegenteil. Diese "Umfrage" war weder Repräsentativ noch zeigt diese
ein Stimmungsbild.
Fakt ist nämlich: Meissen hat rund 30000 Einwohner. Jeder dieser
Bürger müsste die Sächsische Zeitung erst einmal besitzen um zu wissen, dass es
diese "Umfrage" gab. Dann hätte zumindest ein repräsentativer Teil
dort anrufen müssen. Teilgenommen haben aber nur 317 Personen, was
einer Quote von rund 1,06 % entspricht. Davon, in Bezug auf die
Gesamtzahl der Einwohner, sind also nur rund 0,6% erwiesener Maßen
gegen das NMC.
Ein weiteres Problem ist die Zeit der Umfrage. Sollte diese in der
Geschäftszeit der Sächsischen Zeitung stattgefunden haben, kann es
durchaus sein, dass ein erheblicher Teil der Grundgesamtheit von der
Möglichkeit der Umfrage ausgeschlossen wurde. (Ich gehe mal davon aus,
der Chef / die Chefin verbietet privates telefonieren am
Arbeitsplatz). Sollte ein Anrufbeantworter geschaltet gewesen sein
gilt dieser Punkt natürlich nicht.
Ein weiterer Faktor sind die Fragen. Ohne das vertiefen zu wollen, so sind
diese doch ziemliche Suggestivfragen gewesen. Ein Beispiel:
"WÜRDE EIN FACHMARKTZENTRUM AM NEUMARKT DEN ALTSTADT-HÄNDLERN
SCHADEN?" Diese Fragestellung hat eine eindeutige negative Konnotation.
Besser wäre gewesen "Würde das Fachmarktzentrum den Altstadt -
Händlern schaden oder nutzen?" Dies ist aber auch nur wieder eine
Argumentation in wissenschaftlicher Hinsicht.
Letztenendes gibt es noch ein soziologisches Problem... laut des
"Lethargieeffektes" ist es so, dass ein Mensch zu großen Teilen von folgendem ausgeht:
Dinge welche er als positiv für sich sieht, passieren ohnehin, da es aus der eigenen Vorstellung ja keine logisch schlechte
Alternative gibt. Aus diesem Grund bringt sich der Betroffene nicht
ein.
Wenn man jedoch etwas schlechtes für sich sieht, so ist man bemüht
alles dafür zu tun das dieses nicht geschieht. Das sorgt für einen
deutlich erhöhten Mobilisierungseffekt (was wiederum sinngemäß
als Underdog - Effekt bezeichnet wird).
Fazit daraus:
Davon zu berichten, dass "57 Prozent der Einwohner" glauben, dass
das NMZ den Händlern schaden würde ist, gelinde gesagt, wissenschaftlich
falsch. Wenn überhaupt sind es 57 Prozent derer die angerufen haben
(also rund 180 Leute).Oder auf die Gesamtzahl der Einwohner gesehen
erwiesener Maßen 0,6%.
Jeder meiner Dozenten hätte mich aus der Uni geschmissen für eine
solche niemals repräsentative "Umfrage". Ich Rate meinen Stadtratskollegen hier genau hinzusehen.
Meine Grundsätzliche Haltung zum Neumarktzentrum ändere ich deswegen nicht. Sollte der Investor jedoch nicht in der Lage sein, die
geforderten Leistungen zu erbringen, so werde ich im Sinne der Bürger
und der Stadt meine Entscheidung treffen.
Martin Bahrmann